Wofür bin ich eigentlich hier?
Es gibt Tage, an denen alles funktioniert – und sich trotzdem nicht stimmig anfühlt.
An denen Arbeit erledigt wird, aber kein inneres „Ja“ entsteht. Spätestens dann drängt sich eine Frage auf, die viele kennen: Bin ich hier eigentlich richtig?
In einer Arbeitswelt, die von Effizienz, Fachkräftemangel und permanentem Wandel geprägt ist, rückt ein Thema wieder stärker in den Vordergrund, das lange als zu weich oder zu privat galt: Berufung (im Englischen als „Calling“ bezeichnet). Nicht im pathetischen oder religiösen Sinn, sondern als etwas zutiefst Menschliches, als Verbindung zwischen Sinn, Stärken und Beitrag für andere.
Die Idee der Berufung ist alt. Martin Luther prägte durch seine Bibelübersetzung den Begriff „Beruf“ im arbeitsbezogenen Kontext: Arbeit galt als göttlicher Ruf, als Fremdberufung. Diese Vorstellung eines äußeren Auftrags findet sich auch in frühen wissenschaftlichen Definitionen wieder.
Neuere Ansätze rücken bei der Definition von Berufung die intrinsische Motivation in den Mittelpunkt. Die Forscherinnen Monica C. Dobrow und Jennifer Tosti-Kharas verstehen Berufung als eine intensive, identitätsprägende Leidenschaft für einen bestimmten Tätigkeitsbereich – als etwas, das als zutiefst bedeutsam erlebt wird und Menschen stark bindet. Berufung wird damit weniger als äußerer Ruf, sondern als kraftvoller innerer Antrieb verstanden, der Sinn und organisationale Strukturen mit Identität verbindet.
In diesem modernen Verständnis ist die Berufung mehr als ein Job. Sie beschreibt eine Tätigkeit, die sich innerlich stimmig anfühlt, etwas, das man gern tut, das einem vergleichsweise leichtfällt und bei dem man das Gefühl hat, einen Unterschied zu machen. Menschen erleben Berufung dort, wo sie ihre Fähigkeiten einsetzen können, sich engagieren wollen und ihre Arbeit nicht nur als sinnvoll, sondern als persönlich bedeutsam erfahren.
Wenn Arbeit und innerer Antrieb auseinanderfallen
Beruf und Berufung können sich decken, müssen es aber nicht. Manche leben ihre Berufung voll im Beruf, andere eher im Ehrenamt, in der Familie oder in kreativen Tätigkeiten. Problematisch wird es dort, wo über längere Zeit eine deutliche Kluft entsteht: zwischen dem, was jemand täglich tut, und dem, was innerlich antreibt. Die Ursachen können dabei vielfältig sein: Misstrauen, fehlender Rückhalt durch Führungskräfte, subjektive Ungerechtigkeitsempfindungen, Mikromanagement u.v.m. Studien und Praxiserfahrungen zeigen, dass fehlende Sinn- und Passungserlebnisse mit Unzufriedenheit, Erschöpfung und emotionaler Distanz zur Arbeit einhergehen können.
Vereinfacht lässt sich Berufung als Schnittmenge verstehen: Was ich gut kann. Was ich gern tue. Und was für andere wertvoll ist.
Berufung lässt sich nicht erzwingen, aber ermöglichen
Berufung lässt sich nicht verordnen. Sie ist zutiefst subjektiv. Aber sie ist gestaltbar : durch die Bedingungen, die Organisationen und Führungskräfte schaffen.
Ein zentraler Hebel liegt in der Aufgabenpassung. Menschen erleben mehr Sinn, wenn sie Tätigkeiten übernehmen, die ihren Stärken entsprechen und in denen sie Wirksamkeit spüren. Das erfordert nicht immer neue Stellen oder große Umstrukturierungen. Oft reicht es, Aufgaben bewusster zu verteilen, Schwerpunkte zu verschieben oder projektbezogene Beiträge zu ermöglichen, die besser zur Person passen.
Eine weitere Schlüsselrolle spielen Gespräche. Nicht nur im Sinne zusätzlicher Feedbackformate, sondern als echte Auseinandersetzung mit dem, was Mitarbeitende innerlich bewegt. Fragen wie „Was an Ihrer Arbeit gibt Ihnen Energie?“ oder „Wo fühlen Sie sich besonders am richtigen Platz?“ öffnen Räume, die im Arbeitsalltag sonst selten entstehen. Sie signalisieren Interesse an der Person und nicht nur an der Leistung.
Auch Gestaltungsspielräume sind entscheidend. Berufung entsteht eher dort, wo Menschen mitdenken, Entscheidungen beeinflussen und Verantwortung übernehmen dürfen. Autonomie, Vertrauen und die Möglichkeit, Arbeit aktiv mitzugestalten, verstärken das Gefühl von Selbstwirksamkeit – ein zentraler Bestandteil von Sinn.
Nicht zuletzt spielt Entwicklung eine wichtige Rolle. Wenn Mitarbeitende erleben, dass sie sich mit ihrer Tätigkeit in eine für sie stimmige Richtung entwickeln können, wächst die Bindung an das, was sie tun. Weiterbildung, neue Rollen oder zeitlich begrenzte Projekte zeigen: Die individuelle Motivation hat hier Platz. Sie muss nicht außerhalb gesucht werden. Berufung darf sich verändern und Organisationen können diesen Prozess begleiten.
Zuhören als Anfang
Doch wie lässt sich so etwas scheinbar Subjektives greifbar machen?
Der Schlüssel liegt in einfachen, ehrlichen Fragen. Kurze, verständliche Befragungen können helfen, Muster zu erkennen: Wo erleben Menschen Sinn? Wo können sie ihre Stärken einsetzen und wo nicht? Nimmt oder gibt ihnen ihre Tätigkeit Energie? Solche Rückmeldungen geben Organisationen Orientierung und machen deutlich, dass innere Passung ernst genommen wird. Beispielhafte Items zur Erfassung von Berufung sind etwa: „Meine Arbeit erfüllt mich mit großer Zufriedenheit.“ oder „Meine Arbeit gibt meinem Leben eine zusätzliche Bedeutung.“
Wichtig ist dabei weniger die Messung an sich als die Haltung dahinter. Wer nach Berufung fragt, signalisiert Aufmerksamkeit. Wer zuhört, schafft Vertrauen. Und wer bereit ist, Konsequenzen aus dem Gehörten zu ziehen, schafft Räume, in denen Arbeit wieder mehr sein kann als das Erledigen von Aufgaben.
Vielleicht beginnt Berufung im Arbeitskontext genau dort:
Nicht mit großen Programmen oder perfekten Konzepten, sondern mit der ehrlichen Frage, wie Menschen ihren Platz erleben. Und mit der Bereitschaft, diesen Arbeitsplatz gemeinsam weiterzuentwickeln, Schritt für Schritt, nah an der Realität, und immer mit dem Blick auf das, was Menschen innerlich bewegt.
Schreiben Sie uns doch einfach in unser Kontaktformular, was Sie zu diesem Thema beschäftigt. Wir lieben den Dialog.
Unsere Feedback-Instrumente wie Mitarbeiter:innenbefragungen bzw. Pulse-Checks – unterstützen Sie dabei, innere Passung, Sinn- und Berufungserleben systematisch sichtbar zu machen.




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