Die Wertschätzungskeule
„Wir bekommen keine Wertschätzung!“ – dieser Satz hallt heute durch viele Organisationen, Abteilungen und Teams. Er fällt in Mitarbeitergesprächen, in anonymen Feedbackrunden und nicht selten auch in der Kaffeeküche. Das Wort „Wertschätzung“ ist dabei zu einer Art ultimativem Totschlagargument geworden. Sobald es ausgesprochen wird, verstummt jede sachliche Diskussion. Nicht ganz unbegründet äußern dann Führungskräfte: „Ich kann den Begriff Wertschätzung nicht mehr hören!“. Es beschäftigt viele die Frage: Wie sollen wir denn konstruktiv mit dem manchmal als Keule verwendeten Begriff Wertschätzung umgehen?
Was ist eigentlich Wertschätzung?
Der österreichische Psychiater Reinhard Haller beschreibt Wertschätzung als „Lebenselixier der Seele“. Er weist darauf hin, dass wir Menschen nicht nur Nahrung, Sicherheit und Zuwendung brauchen, sondern eben auch das Gefühl, Bedeutung für andere zu haben. Fehlende Wertschätzung wirkt daher wie eine innere Kränkung, die tiefer reicht als viele offene Konflikte. Wertschätzung ist also nichts Geringeres als unser tiefstes emotionales Grundbedürfnis, gesehen, anerkannt und respektiert zu werden.
Die Macht des Gefühls
Wenn Mitarbeitende beklagen, keine Wertschätzung zu erfahren, dann ist das selten mit klaren Fakten oder konkreten Situationen belegt. Es handelt sich vielmehr um ein starkes, subjektives Empfinden, das häufig durch kleine Begebenheiten ausgelöst wird: ein nicht beachteter Beitrag in einer Besprechung, eine Chefin, die bei einer Firmenfeier in ihrer Rede die Leistung Einzelner lobt und andere übersieht, die E-Mail eines Kollegen, die ohne Grußformel oder Dank endet. Für Außenstehende wirken diese Anlässe trivial – für die Betroffenen aber können sie das Gefühl auslösen, übergangen, missachtet oder sogar unsichtbar zu sein.
Gerade weil es so subjektiv ist, entfaltet das Empfinden fehlender Wertschätzung eine enorme Kraft. Es kann Mitarbeitende entmutigen, sie innerlich kündigen lassen (siehe Quiet Quitting) oder eine Spirale der Verbitterung in Gang setzen. Wut, Enttäuschung und Resignation sind dann oft eng miteinander verknüpft.
Warum Wertschätzung heute wichtiger denn je ist?
Noch vor nicht allzu langer Zeit reichte es in vielen Unternehmen, Mitarbeitende über Sicherheit, Gehalt und Aufstiegschancen zu binden. Heute ist das anders. In einer Arbeitswelt, die von Digitalisierung, New Work und Fachkräftemangel geprägt ist, treten emotionale Bedürfnisse stärker in den Vordergrund. Menschen wollen nicht nur ihre Rolle ausfüllen, sondern als Individuen wahrgenommen werden. Wertschätzung prägt also in hohem Ausmaß Motivation, Loyalität und Leistungsfähigkeit der Menschen.
Durch den zunehmenden gesellschaftlichen Narzissmus, die Digitalisierung der Emotionalität und die Radikalisierung der Sprache kann man heutzutage durchaus von einer Wertschätzungskrise reden.
Und wenn Anerkennung ausgesprochen wird, dann leider häufig falsch. Mitarbeitende werden mit zwar gut gemeinten, aber pauschalisierten und oberflächigen Anerkennungstexten aus der Unternehmenskommunikation quasi abgespeist. Dadurch wird die Krise weiter angeheizt, weil dieses Lob nur zynisch wirkt.
Was Organisationen tun können
Die gute Nachricht: Wertschätzung entsteht nicht durch aufwändige Programme, Wertschätzungskampagnen (Vorsicht: genau das kann nach hinten los gehen!) oder teure Benefits, sondern im Alltag – durch kleine, konsequente Gesten. Echte Wertschätzung muss laut Haller drei Dinge beinhalten: Sie muss erstens individuell sein und auf konkrete Verhaltensweisen oder Eigenschaften der Person hinweisen. Sie muss zweitens originell sein – ich sollte mich mit der Person, der gegenüber ich Wertschätzung zeige, auseinandergesetzt haben und wissen, was sie mag oder nicht mag. Und sie muss drittens authentisch sein – sie muss von Herzen kommen.
Organisationen können Rahmenbedingungen schaffen, damit diese Gesten häufiger passieren und kulturell verankert werden:
- Eine konstruktive Feedbackkultur fördern: Viele institutionalisierte Formen des Feedbacks, wie zum Beispiel Mitarbeiter:innengespräche, Mitarbeiter:innenbefragungen, Feedback-Schleifen (aber ohne reine Defizitorientierung, frei nach dem Motto: Suche den Fehler), können eine Kultur stärken, in der Wertschätzung annehmbar ausgedrückt werden kann.
- Kultur der Anerkennung fördern: Lob sollte nicht nur „von oben nach unten“ fließen. Auch Peer-Feedback oder bereichsübergreifende Anerkennung stärken das Gefühl von Sichtbarkeit (siehe Feedbackkultur- was ist hier wichtig?).
- Transparenz schaffen: Unklare Entscheidungen oder ungleiche Behandlung sind Hauptquellen für das Empfinden mangelnder Wertschätzung. Offene Kommunikation kann hier viel entschärfen.
- Individuelle Sprache finden: Menschen erleben Wertschätzung unterschiedlich. Für die einen ist es das gesprochene Lob, für andere das Vertrauen in ihre Selbstständigkeit. Organisationen müssen eine Vielfalt an Ausdrucksformen zulassen.
- Führungskräfte sensibilisieren: Wertschätzung beginnt oft bei der direkten Führungskraft. Schulungen und Feedback können helfen, blinde Flecken zu erkennen und Kommunikationsroutinen zu ändern und die Aufmerksamkeit darauf zu stärken (siehe Führungskräfte als Motor für wirksame Mitarbeiter:innenbefragungen).
Wertschätzung ist kein Bonus, den Organisationen großzügig gewähren oder auch nicht. Sie ist ein Grundbedürfnis – und zwar eines, das in modernen Arbeitswelten immer stärker eingefordert wird. Fehlt sie, entsteht ein emotionales Vakuum, das Mitarbeitende langfristig schwächt. Wird sie dagegen authentisch gelebt, wirkt sie wie ein Verstärker für Motivation, Verbundenheit und Leistungsfähigkeit. Damit kann den oft wutentbrannten, emotionalen Eruptionen über „fehlende Wertschätzung“ der fruchtbare Boden entzogen werden.
Für Organisationen ist es höchste Zeit, die als „Vitamin der Seele“ bezeichnete Wertschätzung nicht nur in Sonntagsreden zu beschwören, sondern sie im täglichen Miteinander einzusetzen. Das kostet nämlich exakt nichts.
Sie können Wertschätzung in der Organisation auch institutionalisieren, indem Sie professionelle Feedback-Tools einsetzen. Schreiben Sie uns!


Bülent Özgöc by pexels