Lost in Transformation oder Digitalisierung mit Dialog
ChatGPT, Copilot, Gemini, Claude, Napkin AI, etc. und alle KI-Agenten. Sie schreiben, recherchieren, analysieren, visualisieren, programmieren, planen, automatisieren und übernehmen zunehmend Aufgaben, die bislang Menschen erledigt haben.
Aus Unternehmenssicht bietet KI massive Vorteile: Einsparung von Kosten und Gewinn an Qualität. Warum sollte eine Aufgabe mehrere Stunden Arbeitszeit beanspruchen, wenn künstliche Intelligenz sie innerhalb weniger Minuten kostengünstiger und eventuell auch besser erledigen kann?
Doch während Unternehmen über Effizienzgewinne sprechen, stellen sich auf Seite der Belegschaft ganz andere Fragen: „Wenn KI immer mehr von dem kann, was ich kann, wie lange braucht es mich dann noch?“ bzw. „Erleichtert Digitalisierung tatsächlich meine Arbeit?“
Vom Zeitgewinn zum Zeitdruck
Digitale Technologien können Beschäftigte enorm entlasten. Routineaufgaben lassen sich automatisieren, Informationen schneller finden, große Datenmengen analysieren und Prozesse vereinfachen. Im besten Fall schafft KI damit mehr Zeit für jene Tätigkeiten, bei denen Kreativität, Erfahrung, soziale Kompetenz und menschliches Urteilsvermögen gefragt sind. Doch Entlastung ist nur eine Seite der digitalen Arbeitswelt.
Die Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) veröffentlichte vor kurzem die Ergebnisse einer Befragung von rund 26.000 Beschäftigten in Europa (Flash Eurobarometer 2025), die die Schattenseiten der Digitalisierung am Arbeitsplatz beleuchten: 48% der Beschäftigten geben an, dass digitale Technologien die Geschwindigkeit bzw. das Arbeitstempo bestimmen. 30% berichten, dass der Einsatz digitaler Technologien dazu führt, dass sie isoliert arbeiten, und 28% erleben dadurch eine höhere Arbeitsbelastung.
Für viele dieser Belastungen gibt es inzwischen einen eigenen Begriff: Technostress. Gemeint ist Stress, der entsteht, wenn die Anforderungen digitaler Technologien die eigenen Möglichkeiten oder Ressourcen übersteigen. In erster Linie geht es dabei um diese Stressoren: Zu viele Informationen, ständig neue Tools, permanente Erreichbarkeit, häufige Veränderungen und der Druck, mit der technologischen Entwicklung Schritt halten zu müssen.
Ausgerechnet Technologien, die uns Arbeit erleichtern sollen, können so dafür sorgen, dass sich Arbeit intensiver, dichter und grenzenloser anfühlt.
Braucht es mich künftig überhaupt noch?
Technostress entsteht aber nicht nur durch zu viele E-Mails, neue Programme oder technische Überforderung. Mit KI kommt eine weitere Dimension hinzu: Unsicherheit. Beschäftigte erleben selbst, wie schnell sich die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz entwickeln. Was heute unterstützt wird, könnte morgen automatisiert werden. Damit verändert KI nicht nur Arbeitsprozesse, sondern möglicherweise auch die Wahrnehmung der eigenen beruflichen Zukunft.
Dass diese Sorge im Arbeitskontext relevant ist, zeigt auch die Digitale Belastungsmatrix der österreichischen Arbeitsinspektion. Sie führt im Zusammenhang mit KI-basiertem Personalmanagement unter anderem mangelnde Beteiligung, intransparente Arbeitsplanung und Arbeitsplatzunsicherheit als mögliche Belastungsfaktoren an. Hinzu kommen neue Möglichkeiten der Kontrolle. Digitale Systeme können Leistung erfassen, Arbeitsabläufe vorgeben, Kennzahlen generieren oder automatisiert Aufgaben zuweisen. Aus Unterstützung kann Kontrolle werden, aus Effizienz wird Leistungsdruck. Und aus Automatisierung entwickelt sich eine Sorge um den eigenen Arbeitsplatz.
Die zwei Seiten der Digitalisierung
Technologie nicht automatisch ein Stressfaktor. Entscheidend ist vielmehr, wie sie eingeführt und gestaltet wird. Ein KI-Tool, das eine lästige Routineaufgabe übernimmt, kann für eine Mitarbeiterin eine enorme Erleichterung sein. Für ihren Kollegen kann dasselbe Tool die Sorge auslösen, dass seine Expertise künftig weniger wert ist. Automatisierte Kennzahlen können Orientierung geben oder Misstrauen erzeugen. Homeoffice kann Freiheit schaffen oder dazu führen, dass Arbeit nie wirklich endet.
Gerade deshalb ist ein weiteres Ergebnis der EU-OSHA bemerkenswert: Nur 35% der Unternehmen, die digitale Technologien einsetzen, beziehen ihre Beschäftigten in Gespräche über deren Auswirkungen auf Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz ein. Viele Unternehmen digitalisieren ihre Arbeit, aber deutlich weniger fragen ihre Mitarbeitenden, was diese Digitalisierung mit ihnen macht (Quelle: Europäische Unternehmenserhebung ESENER 2024).
Digitalisierung braucht Dialog
Unternehmen können messen, wie viel Zeit KI einspart, wie häufig ein Tool genutzt wird oder wie sich die Produktivität entwickelt. Was diese Kennzahlen nicht zeigen: Fühlen sich Beschäftigte tatsächlich entlastet? Oder erleben sie Technostress? Haben sie Vertrauen in neue Systeme? Können sie mit der Geschwindigkeit der Veränderungen Schritt halten? Haben sie Angst, ersetzt zu werden? Fühlen sie sich ausreichend eingebunden oder reagieren sie mit Quiet Quitting?
Mitarbeiter:innenbefragungen oder eine (gesetzlich vorgesehene) Evaluierung/Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung am Arbeitsplatz machen genau diese Perspektive sichtbar. Sie können zeigen, wo digitale Technologien tatsächlich entlasten und wo Überforderung, Unsicherheit oder Widerstand entstehen. Damit liefern sie eine Grundlage, um Digitalisierung nicht nur effizient, sondern auch gemeinsam mit den Beschäftigten zu gestalten.
Wer wissen will, ob Digitalisierung wirklich funktioniert, sollte deshalb nicht nur auf Prozesse und Produktivität schauen, sondern die Menschen fragen, die täglich mit ihr arbeiten.
Schreiben Sie uns doch einfach in unser Kontaktformular, was Sie zu diesem Thema beschäftigt. Wir lieben den Dialog.
Unsere Feedback-Instrumente wie Mitarbeiter:innenbefragungen, Pulse-Checks oder Workshops unterstützen Sie dabei, Digitalisierungsinitiativen produktiv in Ihrer Organisation zu stärken.



Petra G. by Pexels
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