Die Quadratur der Wirksamkeit

Wie erhöhen wir unsere Wirksamkeit? Diese Frage stand letzte Woche in Wien im Fokus des 16. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongresses. Mit meiner Keynote durfte ich den Stoff für den Gesundheitssystem-Diskurs liefern: die Ergebnisse der umfangreichsten Befragung erfahrener österreichischer Health Professionals mit Führungsaufgaben und Patientenkontakt. Die Ergebnisse der darauf aufbauenden zwei Tage Systemdiskussion könnten einen wirksamen Input für jedes Unternehmen liefern. Kleiner Hinweis: Unternehmen, die nicht im Gesundheitssystem tätig sind, tauschen ganz einfach den Begriff Patient:innen mit Kund:innen aus.

Im Gesundheitssystem bedeutet Wirksamkeit bessere Gesundheit und bessere Behandlungsergebnisse für die Menschen, die auf das System angewiesen sind. Österreich steht hier grundsätzlich gut da. Die Ergebnisse des Systems sind im internationalen Vergleich vielfach beachtlich. Gleichzeitig ist der Ressourceneinsatz hoch. Vereinfacht formuliert: Der Outcome stimmt, der Input ist zu groß. Genau deshalb eignet sich die Wirksamkeit als Leitprinzip für den notwendigen Systemwandel. Sie zwingt uns, den Blick von Strukturen, Zuständigkeiten und Einzelinteressen auf das eigentliche Ziel zu richten: den Nutzen für Patientinnen und Patienten bzw. Zielgruppen.

Im Rahmen des Kongresses diskutierten Expertinnen und Experten in vier Themenstreams die wichtigsten Hebel für mehr Wirksamkeit. Drei Ansatzpunkte kristallisierten sich dabei besonders deutlich heraus: Partizipation, Regulierung und Prozesse. Alle drei sind unverzichtbar. Alle drei bergen aber auch Risiken, wenn sie zum Selbstzweck werden.

Partizipation, aber richtig

Kaum jemand wird bestreiten, dass Mitsprache und Beteiligung zentrale Treiber erfolgreicher Veränderung sind. Patient First, Co-Creation und die Einbindung der unmittelbar in der Versorgung tätigen Health Professionals sind wesentliche Voraussetzungen für tragfähige Lösungen. Wer Menschen nicht beteiligt, wird ihre Unterstützung kaum gewinnen.

Doch Partizipation ist kein Wert an sich. Sie wird erst dann wirksam, wenn sie sich am gemeinsamen Ziel orientiert. Beteiligung darf nicht bedeuten, jede bestehende Position ungefiltert in Entscheidungen einzubauen, sonst entsteht nicht Innovation, sondern Stillstand.

Gerade in komplexen Systemen sind die Kräfte des Beharrens stark ausgeprägt. Wer ausschließlich bestehende Interessen absichert, verhindert oft jene Veränderungen, die langfristig allen zugutekommen würden. Gute Partizipation bedeutet daher nicht, jede Stimme gleich stark zu gewichten, sondern jene Perspektiven einzubinden, die zur Verbesserung der Versorgung beitragen. Beteiligung ist ein Instrument der Wirksamkeit, nicht deren Ersatz.

Regulierung, aber inklusive Regelbruch

Regeln sind unverzichtbar. Sie reduzieren Komplexität, schaffen Orientierung und ermöglichen Zusammenarbeit über Organisationsgrenzen hinweg. Gerade im Gesundheitswesen wäre ohne gemeinsame Standards, Vorgaben und Governance-Strukturen ein geordnetes Handeln kaum denkbar.

Interessanterweise werden übergeordnete Regelwerke häufig als Bürokratie wahrgenommen, obwohl sie vielfach das Gegenteil bewirken. Wer beispielsweise europäische Regulierung kritisiert, übersieht oft, dass zentrale Regeln die Vielzahl unterschiedlicher Einzelregelungen auf nachgeordneten Ebenen reduzieren können. Zentrale Bürokratie verringert mannigfaltige lokale Bürokratie.

Doch auch Regulierung hat ihre Grenzen. Regeln können niemals alle Situationen des realen Lebens vollständig abbilden. Ein System wird nicht dadurch intelligent, dass es immer mehr Vorschriften produziert. Es wird intelligent, wenn es erkennt, wann eine Regel ihrem Zweck dient, und wann nicht.

Wirksamkeit entsteht deshalb auch durch die Fähigkeit zum begründeten Regelbruch. Nicht aus Eigeninteresse oder Bequemlichkeit, sondern dort, wo die konkrete Situation eine bessere Lösung verlangt. Regeln schaffen Stabilität. Die Möglichkeit ihrer reflektierten Überschreitung schafft Anpassungsfähigkeit. Beides gehört zusammen.

Prozesse, aber situativ flexibel

Klare Prozesse sind die Grundlage von Qualität, Sicherheit und Effizienz. Sie definieren Verantwortlichkeiten, schaffen Verlässlichkeit und ermöglichen die Steuerung komplexer Abläufe. Ohne Prozessmanagement wäre moderne Gesundheitsversorgung nicht denkbar.

Problematisch wird es jedoch, wenn Prozesse vom Hilfsmittel zum Selbstzweck werden. Wenn die Einhaltung des Ablaufs wichtiger wird als das Ergebnis, beginnt die Logik des Systems gegen die Bedürfnisse der Menschen zu arbeiten.

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt dies in seinem aktuellen Buch „Situation und Konstellation“ treffend. Kein Regelwerk, kein Flussdiagramm und keine Verfahrensanweisung kann die gesamte Vielfalt menschlicher Situationen erfassen. Das Leben bleibt immer konkreter als jede abstrakte Prozessbeschreibung.

Deshalb brauchen wir neben klaren Abläufen auch Handlungsspielräume. Prozesse sollen Orientierung geben, nicht Denken ersetzen. Professionelles Handeln zeigt sich gerade dort, wo Menschen in der Lage sind, von Standards auszugehen und gleichzeitig angemessen auf die Besonderheiten einer Situation zu reagieren.

Wirksamkeit entsteht im Gleichgewicht

Die Diskussionen des Kongresses haben eines deutlich gemacht: Es gibt keine einzelne Maßnahme, die das Gesundheitssystem wirksamer macht. Weder maximale Partizipation noch maximale Regulierung oder maximale Prozessorientierung führen automatisch zum Ziel.

Wirksamkeit entsteht nicht in einer systemischen Monokultur. Sie entsteht im ausgewogenen Zusammenspiel von Beteiligung und Entscheidungsfähigkeit, von Regeln und situativer Anpassung, von Standards und professioneller Freiheit.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, klare Entscheidungen zu treffen, ohne ihnen blind zu folgen. Richtungstreue ist wichtig. Dogmatismus ist gefährlich. Erfolgreiche Systeme verbinden Verlässlichkeit mit Anpassungsfähigkeit und Stabilität mit Lernfähigkeit.

Dafür braucht es Augenmaß, Mut zur Differenzierung und vor allem einen breiten Konsens über die grundlegenden Ziele. Denn am Ende entscheidet nicht die Perfektion von Strukturen, Regeln oder Prozessen über den Erfolg eines Gesundheitssystems. Entscheidend ist, ob sie dazu beitragen, die Gesundheit der Menschen tatsächlich zu verbessern. Genau darin liegt der Maßstab seiner Wirksamkeit.

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